Ümit Erdogan

Alumni des Monats Mai 2021

Unternehmer & E-Commerce Berater

Beheimatet in Ost-Westfalen startete ich meinen beruflichen Werdegang bei dem Finanzdienstleister Arvato Financial Solutions im Bertelsmann-Konzern. Dort haben mich meine Stationen als Referent des CFOs, Interims-CFOs in den Niederlanden und Key Account Managers für digitale Geschäftsmodelle stark geprägt. Nach sieben Jahren Konzernzugehörigkeit habe ich den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und berate meine Kunden im Order-to-Cash-Prozess sowie in der Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle.

Frage 1: Guten Tag Herr Erdogan. Aufgrund der aktuellen Situation fanden Teile des Studiengangs online und offline statt. Welche Gedanken kommen Ihnen, wenn Sie an die Zeit in St. Gallen zurückdenken?

Ehrlicherweise konnte ich mir bei der Wahl des Studiengangs überhaupt nicht vorstellen, dass eine Pandemie das Konzept über den Haufen werfen könnte. Ich war natürlich traurig, dass wir uns zum Start der Vorlesungen nicht persönlich kennenlernen konnten. Jedoch muss ich sagen, dass sich die HSG sehr schnell auf die neue Situation eingestellt und die Vorlesungen digital durchgeführt hat.

Als wir uns im Sommer dann persönlich das erste Mal getroffen haben, waren wir uns alle erstaunlicher Weise recht vertraut. Man „kannte sich“ und konnte sich ohne Scheu austauschen.

Frage 2: Nach einer längeren Laufbahn im Konzern, haben Sie sich vor ein paar Jahren selbstständig gemacht. Wie konnten Sie als Unternehmer von den Inhalten im Lehrgang profitieren?

Als Unternehmer muss ich mich und mein Unternehmen immer wieder neu erfinden – mich mit den Marktgegebenheiten und Kundenwünschen auseinandersetzen. Zudem war die Pandemie für uns alle sowohl privat als auch beruflich herausfordernd. Da kam der Studiengang natürlich ganz gelegen. Ich erinnere mich insbesondere noch gut an den ersten Vortrag von Wolfgang Jenewein bezüglich des „Reframings“. Eine Krise, Pandemie oder schlicht schwierige Situation kann man aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Im Idealfall sieht man die Situation zunächst einmal als interessant an, statt den Kopf möglicherweise in den Sand zu stecken. Trotzdem darf man sich auch einen Moment des Ärgerns nehmen. Wichtig ist lediglich aus dieser Phase dann schnellstmöglich hinauszukommen, um die eigene Situation selbst zu gestalten. Geholfen haben mir natürlich auch die jeweiligen Diskussionen mit meinen Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die beispielsweise ihre Sicht zur aktuellen Lage erörtert haben.

Frage 3: Das Thema Change Management spielt bei vielen Unternehmen heute eine bedeutende Rolle. Haben Sie aus Ihrer Sicht das Programm zur richtigen Zeit absolviert oder hätten Sie gerne früher daran teilgenommen?

Definitiv gerne früher! Dabei muss ich klar sagen, dass rückwirkend betrachtet z.B. das eine oder andere schwere Gespräch oder gar ein nicht zufriedenstellendes Ergebnis hätten mit der heutigen Erfahrung verhindert werden können. Grundsätzlich bin ich auch der Meinung, dass Change Management zur Basis einer jeden Führungskraft, ja vielleicht sogar eines jeden Menschen gehören sollte. Denn Stillstand ist selten ein guter Begleiter - insbesondere nicht im Wirtschaftsleben.

Frage 4: Sie sind seit vielen Jahren in der Finanz- und E-Commerce-Branche tätig. Welche Veränderungen beobachten Sie aufgrund der Pandemie?

Die Pandemie hat die Digitalisierung einiger Prozesse stark beschleunigt. Nehmen wir zum einen das unliebsame Thema „Bezahlen“. Das einfachste Beispiel ist hier natürlich der Bäcker von nebenan. Selbst dort habe ehrlicherweise seit fast einem Jahr kein Bargeld mehr verwendet. Auch Kryptowährungen boomen und werden sogar mittlerweile immer mehr als Zahlungsart akzeptiert. Das war für Viele vor einigen Jahren undenkbar. Und hier befinden wir uns gerade noch am Anfang.

Zum anderen hat der Konsum sich notgedrungen in Zeiten des Lockdowns in den E-Commerce-Kanal verlagert, wobei selbst Paketdienstleister wie auch Online Shops nicht auf diesen Ansturm vorbereitet waren und noch heute diesen bewältigen müssen.

Zu guter Letzt hat die Pandemie auch einen signifikanten Effekt auf die Art des Arbeitens gehabt. Nicht physisch präsent zu sein - sowohl im Büro als auch in Meetings - steht bei vielen nicht einmal mehr zur Disposition. Diese Veränderung ist jetzt da und wird auch nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Die E-Commerce Unternehmen konnten sich dabei vergleichsweise schnell auf die neuen Rahmenbedingungen einstellen. Und das liegt in der Natur der Sache, da diese eben ihre Kunden bereits digital betreuen und somit auch kein Problem damit haben ihre Mitarbeiter auch so zu betreuen. Für mich persönlich, auch als Digital Native, muss ich sagen, dass ich sehr gerne wieder physisch mit meinen Kolleginnen und Kollegen als auch den Kunden arbeiten würde. Denn eins habe ich für mich festgestellt: Vertrauen ist die Basis für jede Art der Zusammenarbeit. Dies völlig digital neu aufzubauen halte ich aktuell noch für eine der zentralsten Herausforderungen.

Frage 5: Die letzten Monate haben gravierende Mängel in der digitalen Infrastruktur offengelegt. Was muss aus Ihrer Sicht passieren, dass der DACH-Raum endlich digital vorankommt?

Mir sagte mal ein sehr guter Freund: Ümit du musst dich bewegen, wenn du woanders hinkommen möchtest. Und wenn es nicht die richtige Richtung war, dann drehst du eben wieder um und probierst es auf einem anderen Weg. Bei uns (insbesondere in Deutschland) habe ich immer wieder das Gefühl, dass wir Angst vor dem Scheitern und Neuem haben oder das etwas schief geht bzw. nicht richtig ist und wir dafür verantwortlich gemacht werden können. Ich habe meist den Eindruck, dass wir als Gesellschaft beispielsweise immer wieder auf Anonymität und Datenschutz pochen, aber wenn es u.a. um Facebook, Twitter, Instagram Posts geht, fühlen wir uns anonym. Und ich kann jedem sagen: dem ist nicht so! Jeder hinterlässt einen digitalen „Footprint“.

Also: Wir müssen einfach anfangen die Gesellschaft davon überzeugen, dass wir diesen digitalen Wandel gemeinsam gestalten müssen, weil wir ihn brauchen. Die Angst vom „Gläsernen Bürger / Mitarbeiter“ aber auch vor dem Scheitern muss abgelegt werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass man jede Art der Digitalisierung hinnehmen und für gut halten muss. Aber es ist eine andere Art der Sichtweise, ob ich grundsätzlich positiv oder negativ zum Thema eingestellt bin.

Frage 6: Der stationäre Handel hat in Zeiten von Corona massive Verluste erfahren. Wie müssen sich Geschäfte in Zukunft aufstellen, damit Sie dem Online-Handel auf Augenhöhe begegnen können?

Schon vor der Pandemie war vom sog. Omnichannel-Ansatz die Rede. Jetzt ist allen klar, dass man seine Kunden nicht nach „Stationär und Online“ trennen darf. Für den Kunden gibt es eine Marke und ein Einkaufserlebnis und für dieses will er über alle Kanäle bzw. Touchpoints bedient werden. Auch hier gilt es, den Kunden mit Hilfe von digitalen Werkzeugen auf die Ware und die Leistungen aufmerksam zu machen. Die Möglichkeit, ob der Kunde die Ware stationär abholt oder per Post erhält, gehört dann zum Kundenservice. Mir hat es beispielsweise sehr gut gefallen, wie einige Modehäuser live via Instagram ihre Ware präsentiert und im Anschluss dem Kunden verkauft haben. Dabei wurde aus der Not eine kreative Lösung. Ich persönliche hoffe natürlich schon, dass die Innenstädte einen zweiten Frühling erleben. Und auch dann gilt es nicht „Stationär gegen Online“, sondern aus beiden Welten das Beste zu vereinen und sich zu ergänzen!

Frage 7: Die Teilnehmer des Studiengangs kommen oft aus ganz unterschiedlichen Branchen. Können Sie uns etwas zum Erfahrungsaustausch erzählen?

Die Teilnehmer des Studiengangs waren aus allen nur denkbaren Branchen vertreten. So habe ich viel darüber erfahren, wie dasselbe Problem auf die unterschiedlichsten Weisen betrachtet und gelöst werden kann, da jeder einen anderen Blick auf eine Sache hat. Das war unglaublich wertvoll und bereichernd! Insbesondere auch bezogen auf die Pandemie! Alle waren unterschiedlich betroffen. Einige haben wirtschaftlich profitiert, anderen wurde die Arbeitsgrundlage nahezu entzogen. Das waren definitiv bereichernde und spannende Diskussionen.

Frage 8: Ein oft unterschätzender Mehrwert von Weiterbildungen ist die Reflexion der eigenen beruflichen Situation. Wie war das für Sie?

Dieser Studiengang hat diesen Teil stark bespielt und ich musste mich oft mit mir und meiner beruflichen Situation beschäftigen, einschließlich der Frage „wer möchte ich sein“. Dafür hat man meistens im Berufsleben kaum Zeit. Auch bei meinen Kommilitonen war das ein oft diskutiertes Thema. Sich neben dem hektischen Alltag bewusst auf solche Fragen einzulassen tat mit persönlich sehr gut.

Frage 9: Zum Abschluss des Programms stehen die Themen Führung und Kulturentwicklung auf der Agenda. Welche Erwartungen haben Sie an die Session mit Prof. Dr. Wolfgang Jenewein?

Ich hatte vor dem Studiengang bereits von und über Prof. Dr. Wolfgang Jenewein viel gelesen. Seine Inhalte finden eine große Übereinstimmung mit meinem Verständnis von Führung, daher freue ich mich sehr auf das Abschlussmodul. Auch seine im Rahmen der Pandemie neu entdeckte Kommunikation über Social-Media-Kanäle wie z.B. LinkedIn gefällt mir sehr gut.

Frage 10: Welche beruflichen Ziele haben Sie sich für das Jahr 2021 noch gesetzt?

Das ist einfach: Ich möchte wieder mehr mit Menschen arbeiten und weniger am Computer!

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Erdogan!

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