Talk mit Dr. Lena-Lisa Wüstendörfer

Music Director Swiss Orchestra & Intendantin von Andermatt Music

"Damit es wirklich zu einem möglichst guten Konzerterlebnis kommt und der Funke, wie wir sagen, von der Bühne ins Publikum überspringt, muss vorne im Orchester optimales Teamwork geleistet werden."

Meine heutige Gesprächspartnerin ist eine der bekanntesten Dirigentinnen der Schweiz. Lena-Lisa Wüstendörfer ist Music Director vom Swiss Orchestra, und wir sprechen heute darüber, wie Führung und Kulturentwicklung in einem Setting wie einem Orchester funktioniert. Wie geht man dort mit Hierarchien um? Wie begeistert man die Leute für eine gemeinsame Vision? Und was kann man eigentlich ins Management übertragen? Du bist Dirigentin. Es freut mich sehr, dass wir heute in eine ganz andere Welt eintauchen, die Welt der Musik und der Orchester. Du bist Music Director vom Swiss Orchestra und Intendantin von Andermatt Music, von Beruf Musikwissenschaftlerin. Sag uns doch bitte mal in ein, zwei, drei Sätzen: Wie funktioniert so ein Orchester, dass das alles zusammenpasst? Ich habe dir ja schon gesagt, ich bin nicht aus der Musik.

Wie stimmen sich alle Abteilungen, alle Spieler, quasi alle Musiker zusammen, dass daraus so ein tolles Stück entsteht?

Ja, so ein Orchester hat ja verschiedene Parallelen zu anderen Unternehmen. Also zum Beispiel haben wir hier ganz bestimmte hierarchische Strukturen. Wir haben die grössten Abteilungen zum Beispiel bei den Streichern. Die haben jeder einen Stellvertreter, den wir hier haben. Wir haben auch Spezialistinnen und Spezialisten, zum Beispiel bei den Bläsern. Da spielt jeder seine eigene Stimme, aber es gibt trotzdem eine gewisse Hierarchie. Und damit es jetzt wirklich zu einem möglichst guten Konzerterlebnis kommt und der Funke, wie wir sagen, von der Bühne ins Publikum überspringt, muss vorne im Orchester optimales Teamwork geleistet werden. Meine Aufgabe als Dirigentin ist es jetzt, dieses Teamwork möglichst gut zu ermöglichen, hier zu koordinieren und ein gutes

Zusammenspiel des ganzen Orchesters zu ermöglichen.

Das sind dann meistens so 60, 70 Musiker, die dort spielen, richtig?

Ja, das ist ganz unterschiedlich je nach Werk. Das können mal 25 sein, das können mal 80 sein. Wenn da noch ein Chor dazukommt, dann kann das schnell mal an die 200 Leute auf der Bühne bedeuten. Es können auch Solisten dazukommen. Also je nachdem, was einem da der Komponist vorgibt.

Ich stelle mir jetzt vor – ich habe dich ja gesehen – quasi mit diesem Beruf, Dirigentin, du bist ganz fokussiert. Ich stelle mir das wahnsinnig schwierig vor, alle da im Blick zu haben. Und wenn ihr so ein Stück quasi neu kreiert: Wie viel ist dann von deiner Vision drin? Und wie viel übergibst du zum Beispiel an Eigenverantwortung an die Musiker, das Stück mitzugestalten?

Als Dirigentin habe ich natürlich eine ganz bestimmteVorstellung, wie ein Musikstück umgesetzt werden soll. Deshalb erwarten dieMusiker das auch von mir. Mich interessiert aber immer auch: Wie sehen es dieMusiker, die ich jetzt gerade vor mir habe? Was bieten die an? Wie verstehensie auch meine Gesten? Das ist aber etwas, was eigentlich eher in nonverbalerKommunikation entsteht. Und etwas Einmaliges ist im Orchester: Man kannwahnsinnig effizient kommunizieren, weil man das eben zum grossen Teil auch ohneWorte tun kann.

Also quasi nonverbal und durch Gestik, Mimik, durch den richtigen Einsatz als Dirigentin – das ist dann spannend. Was ich mir noch gedacht habe:

Wie greifst du ein, wenn mal irgendwas nicht so läuft? Wenn du merkst: Hey, wir haben Liveauftritt, das Stück entwickelt sich irgendwie nicht in die richtige Richtung, der Funke springt vielleicht nicht über aufs Publikum. Was sind da so Massnahmen, die du live quasi bewirken kannst und mit denen du Einfluss nehmen kannst, um das nochmal in die richtige Richtung zubringen?

Ich glaube, damit der Funke jetzt vom Konzertpodium aufs Publikum überspringen kann, ist ein optimales Teamwork sehr wichtig. Und das ist zum Beispiel dann nicht gegeben, wenn Musiker vielleicht jetzt schon müde sind von Konzerten, die wir davor hatten, wenn sie sich vielleicht aber auch akustisch nicht gut hören. Und da versuche ich – und das ist auch meine Aufgabe als Dirigentin – hier eigentlich möglichst viele Steine aus dem Weg zu räumen. Also wenn ich zum Beispiel merke, ja, die Konstellation ist so, dass die ersten Geigen sich nicht so gut hören, weil das die Akustik dieses Saales so mit sich bringt, dann versuchen wir das natürlich schon in der Vorprobe zu eruieren. Und dann werde ich mich noch intensiver, jetzt beispielsweise, um die Gruppe kümmern, die die andere eben nicht so gut hört. Einsätze vielleicht noch deutlichergeben oder stärker. Dafür stelle ich vielleicht fest: Aha, die Bläser, die hören sich jetzt optimal, da muss ich gar nicht viel tun, für die ist das Zusammenspielen einfach. Also je nach Situation muss ich mich da auch selbst anpassen.

Du hast das Thema Teamkultur angesprochen. Da kann ich mir vorstellen, ist Feedback ein elementares Thema.

Wie gestaltet ihr Feedback? Sprichst du mit den Musikern einzeln, machst du das im Plenum,

wie nimmst du vielleicht für dich persönlich von Musikern Ratschläge an, dass ihr euch ständig weiterentwickelt? Wie funktioniert das in so einem Musiksetting?

Ich glaube, das grösste Feedback oder das meiste Feedback ist eigentlich wirklich auch nonverbal. Man sieht ja sehr schnell, ob jemand eine Idee jetzt positiv aufnimmt oder eher kritisch eingestellt ist. Das siehst du dann immer sehr leicht. Genau. Und man kann sich aber natürlich auch verbal miteinander unterhalten.

Von daher, Feedback findet schon statt. Wenn ich aber zum Beispiel jetzt Feedback ans Orchester gebe oder an bestimmte Musiker im Orchester, dann ist das in der Regel während der Probe. Also das sind weniger Vier-Augen-Gespräche; wir üben eigentlich Kritik und geben Lob und Feedback während der Probe und vor dem Plenum.

Immer im grossen Saal?

Eigentlich schon, ja, genau.

Was ist quasi die normale Zeit, die du für ein Stück probst? Kann man das irgendwie sagen mit eurem Orchester, wie lang das ist? Wochen sind das, Monate? Wie muss man sich das vorstellen?

Ich glaube, die Projektplanung, die würde ich so sagen, das ist ungefähr zwei Jahre im Voraus. Also da wird definiert, wann ein Konzertstattfindet, was für Werke gespielt werden, dann auch: Was ist die Besetzung, welche Musiker plant man ein? Dann, etwas näher zum Konzert, natürlich auch, in welchen Proben welcher Musiker dabei sein muss.

Und nachher die effektive Probenphase, wenn sich also wirklich alle auf der Bühne treffen oder im Probenraum und man zusammen die Musik einstudiert – das ist dann sehr kurz. Das ist eine Woche vielleicht vor dem Konzert, manchmal sind es auch nur fünf Proben, je nachdem, wie komplex die Stücke sind, ob man sie schon im Repertoire hat oder ob sie ganz neu sind, und wie lang das Programm natürlich auch dauert.

Also ganz unterschiedlich.

Ja, aber ich würde sagen, nie länger als eine Woche. Nie längerals eine Woche.

Jetzt machst du diesen Job – und das ist meine Abschlussfrage – du machst diesen Job schon einige Jahre, bist mit der Musik gross geworden. Das ist ein wahnsinnig fordernder, stressiger Beruf, aber auch deine Leidenschaft. Was hält dich immer noch daran fest, dich persönlich weiterzuentwickeln, dich fachlich weiterzuentwickeln, diese Neugierde zu haben,

was begleitet dich da tagtäglich auch, für dich noch besser zuwerden?

Also einerseits liebe ich natürlich die Musik. Also ich finde es grossartig, die Orchestermusik, die es gibt, diese Emotionen, die da eigentlich die Musik verpackt hat, diese Geschichten, die man erzählt, die wir zusammen mit dem ganzen Orchester auf der Bühne erzählen. Ich arbeite wahnsinnig gern mit Menschen zusammen, und dafür ist eigentlich das Orchester der perfekte Ort. Und es ist einfach wirklich wahnsinnig schön, etwas gemeinsam mit einem Orchester zu erleben, wenn man merkt, es greifen da alle Zahnräder ineinander, es läuft alles. Ja, das sind wirklich auch beglückende Momente, auch wenn es immer wieder Herausforderungen gibt. Und jetzt gerade im Swiss Orchestra ist es auch noch besonders spannend, weil wir dann auch immer wieder Schweizer Komponisten aus der Klassik und Romantik entdecken. Und auch das ist eigentlich spannend, dass wir da nochmal etwas, ja, das Schweizer Kulturerbe wieder erlebbar machen können.

Ich freue mich sehr auf deinen Vortrag, und ich freue mich auch noch mehr, dich im Dezember live in St. Gallen zu sehen – ich glaube, 6.Dezember.

6. Dezember, genau. Kommt ihr wieder nach St. Gallen?

Genau, [unverständlich] … kommen wir, um euch zu sehen.

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