Matthias Fuszenecker

Leiter, Netz2, Case Management Berufsbildung und ÜBER18
Bildungsdirektion Kanton Zürich Amt für Jugend und Berufsbildung

"Der Studiengang hat meinen Blick auf Veränderung recht verändert. Früher habe ich als Leiter von Netz2 eher auf Veränderungen reagiert. Heute versuche ich aktiver Einfluss zu nehmen."

Frage 1: Lieber Matthias, vielen Dank für deine Zeit. Rückblickend: Was hat sich seit dem Abschluss des Studiengangs für dich verändert und welchen Einfluss hatte er auf deinen beruflichen oder persönlichen Alltag?

Der Studiengang hat meinen Blick auf Veränderung recht verändert. Früher habe ich als Leiter von Netz2 eher auf Veränderungen reagiert. Heute versuche ich aktiver Einfluss zu nehmen. In der kantonalen Verwaltung kann ich nicht alles selbst entscheiden, aber ich kann Entscheidungsträger mit gut vorbereiteten Grundlagen überzeugen. Aktuell bin ich zum Beispiel daran, ein Konzept zur Frühintervention einzubringen. Angestossen durch die Erfahrungen aus dem CAS und Impulse einer nationalen Fachtagung, schlage ich vor, unser Case Management Berufsbildung vermehrt auf der Sekundarstufe I einzusetzen, also früher als bisher.

Frage 2: Welche Ziele oder Herausforderungen haben dich damals dazu bewegt, dich für den Studiengang zu bewerben?

Nach über zehn Jahren in der Leitung von Netz2 kam mit ÜBER18 ein neues, eigenes Team zu meiner Abteilung dazu. Damit stand ich vor der Aufgabe, zwei Teams und zwei Angebote zusammenzuführen und diesen Veränderungsprozess gut zu führen und zu begleiten. Genau das wollte ich fundiert lernen. Gleichzeitig wollte ich aber auch über den Tellerrand der Sozialen Arbeit hinausschauen. Wie gehen Unternehmen mit Innovation um und was können wir davon in der Sozialen Arbeit und in der Kantonalen Verwaltung lernen? Genau diese Mischung aus Führung, Innovation und Perspektivenwechsel hat mich am CAS Change & Innovation Management an der Universität St. Gallen angesprochen.

Frage 3: Du kommst ursprünglich aus der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Sozialpädagogik und hast dich über Stationen wie Job Coaching, Sozialarbeit und Case Management bis zur Leitung von Netz2 entwickelt. Wie kam es zu diesem Weg?

In all meinen Stationen in der Sozialen Arbeit haben mich zwei Themen besonders beschäftigt, junge Menschen in erschwerten Situationen und die Frage der Bildungsgerechtigkeit. Diese Themen haben mich schon immer sehr interessiert.

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch irgendwann in seinem Leben Chancengeber und Ermöglicher braucht. Menschen, die Fähigkeiten in einem sehen, die man selbst vielleicht noch gar nicht erkannt hat. Das habe auch ich in meiner eigenen Laufbahn erlebt, bis hin zu Netz2, wo mir später die Leitung anvertraut wurde.

Auf meinem Weg gab es immer wieder Menschen, die mir etwas zugetraut und damit Entwicklung ermöglicht haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Heute möchte ich selbst Chancen ermöglichen und Menschen dabei unterstützen, ihre Stärken zu entdecken und ihre Möglichkeiten zu nutzen.

Frage 4: Wenn du auf deine berufliche Laufbahn zurückblickst: Gibt es einen besonderen Moment oder Erfolg, auf den du besonders stolz bist?

Zum Glück gab es auf meinem Weg immer wieder besondere Momente und Erfolge, auf die ich gerne zurückblicke. Gleichzeitig empfinde ich es auch als grosses Privileg, einen Beruf ausüben zu dürfen, der für mich viel Purpose hat und mir die Möglichkeit gibt, mich gemeinsam mit anderen für mehr Bildungsgerechtigkeit einzusetzen.

Ein besonderer Erfolg im vergangenen Jahr war für mich sicher der Abschluss des CAS Change & Innovation Management an der Universität St. Gallen.

Neben meiner Arbeit und meiner Führungsaufgabe nochmals so intensiv Neues zu lernen, mich mit neuen Perspektiven auseinanderzusetzen und das Gelernte gleichzeitig in die Praxis umzusetzen, war ein grosser Spagat. Umso mehr freut es mich, dass ich diesen Weg so gut gemeistert habe. Und ja, darauf bin ich schon auch stolz.

Frage 5: Seit 2015 leitest du Netz2, das sind inzwischen über zehn Jahre. Was fasziniert dich an dieser Aufgabe bis heute, und was hat sich in dieser Zeit am stärksten verändert?

Was mich bis heute fasziniert, ist die Zusammenarbeit mit meinem Team. Ich arbeite mit sehr erfahrenen und kompetenten Fachpersonen aus der Sozialen Arbeit und Psychologie zusammen. Dazu kommt, dass wir Teil einer Organisation sind, die den Menschen im Kanton Zürich viele wichtige Leistungen zur Verfügung stellt, vom Kindesschutz bis zur freiwilligen Beratung und Begleitung junger Menschen und Familien.

Verändert hat sich in dieser Zeit einiges. Wir sind als Bundesprojekt gestartet, und heute ist Netz2 ein etabliertes Angebot des Service Public. Auf diesem Weg gab es immer wieder Anpassungen und Weiterentwicklungen. Zuletzt ist mit ÜBER18 ein ganz neues Angebot dazugekommen, wodurch sich auch meine Abteilung weiterentwickelt hat. Gleichzeitig sind wir digitaler geworden und arbeiten heute noch niederschwelliger als früher.

Genau diese kontinuierliche Entwicklung, das Engagement meines grossartigen Teams und die Möglichkeit, neues aktiv mitzugestalten, machen meine Arbeit für mich bis heute spannend und abwechslungsreich.

Frage 6: KI verändert die Arbeitswelt in vielen Bereichen, auch in der Berufsbildung und Jugendberatung. Welche Auswirkungen spürst du bereits in der Praxis, und welche Potenziale siehst du für die Zukunft?

Bei Netz2 sind wir beim Einsatz von KI noch sehr zurückhaltend. Wir arbeiten mit streng vertraulichen und besonders schützenswerten Personendaten, und der Schutz der Persönlichkeit unserer Klientinnen und Klienten ist gesetzlich verankert. Das setzt dem Einsatz von KI klare Grenzen.

Beiden Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen wir dagegen grosse Unterschiede. Einige nutzen KI selbstverständlich. Sie informieren sich z.B. über psychische Belastungen und Krankheiten, lassen sich über ihre Rechte aufklären oder sich sogar beraten. Andere kennen sich kaum aus, geschweige denn, dass sie wissen, wie man gute Fragen stellt. Hier entsteht leider eine neue Form von Ungleichheit. Deshalb leiten wir die Jugendlichen bei unverfänglichen Themen, etwa bei Formulierungshilfen für Bewerbungsschreiben, gezielt an, KI richtig zu nutzen.

Für die Zukunft sehe ich Potenzial auf zwei Ebenen. Wir können junge Menschen weiter dabei unterstützen, KI kompetent und kritisch zu nutzen. Und wenn es datenschutzkonforme Lösungen gibt, kann KI uns bei administrativen Aufgabenentlasten. So bleibt mehr Zeit für die Beziehungsarbeit zu den jungen Menschen und der wichtigen Netzwerkarbeit. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen brauchen Menschen, die ihnen offen und unvoreingenommen begegnen, ihre Anliegen ernst nehmen und ihnen mit Wertschätzung auf Augenhöhe begegnen.

Frage 7: Du arbeitest mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wo erlebst du bei dieser Generation die grössten Veränderungen?

Das Alter zwischen 15 und 25 ist für mich das spannendste überhaupt. In dieser Zeitverändert sich fast täglich etwas, psychisch wie physisch. Das Gehirnentwickelt sich in dieser Lebensphase weiter. Besonders die Bereiche, die für die Impulskontrolle, die Entscheidungsfindung und das vorausschauende Denken wichtig sind. Die erste Liebe kommt, man grenzt sich von den Eltern ab. Gleichzeitig steht der Übergang von der Schule in die Berufsbildung an, verbunden mit einiges mehr an Verantwortung.

Diese Entwicklungsaufgaben gab es schon immer. Verändert haben sich aber vor allem die Rahmenbedingungen. Die digitale Welt ist rund um die Uhr präsent. Vergleiche über Social Media, ständige Erreichbarkeit und eine Flut an Informationen können den Druck zusätzlich erhöhen. Mit der künstlichen Intelligenz kommt eine weitere Entwicklung hinzu, die sowohl die Ausbildung als auch die Berufswelt grundlegend verändert. Das kann sehr verunsichern.

Es gibt aber auch viel Positives. Über psychische Gesundheit wird heute offener gesprochen als noch vor 20 Jahren. Junge Menschen trauen sich eher, Belastungen anzusprechen und Hilfe zu holen. Gleichzeitig stehen ihnen mehr Unterstützungsangebote zur Verfügung. Auch die Geschlechterrollen sind weniger starr. Das eröffnet neue Möglichkeiten bei der Berufswahl, etwa für junge Frauen in technischen Berufen oder junge Männer in der Pflege.

Ich erlebe eine Generation mit vielen Möglichkeiten und Freiheiten, die gleichzeitig mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist. Umso wichtiger sind verlässliche Bezugspersonen, die Orientierung geben, ohne den jungen Menschen ihren eigenen Weg vorzugeben. Genau da setzt Netz2 an.

Frage 8: Wie gehst du persönlich mit Unsicherheit um, wenn Dinge im Wandel sind, sowohl bei dir selbst als auch bei Mitarbeitenden, die du durch Veränderungsprozesse begleitest?

Mir hilft es, Themen offen anzusprechen undmich auszutauschen. So kann ich mir eine Meinung bilden und sie auch immerwieder überprüfen. Gleichzeitig habe ich ein inneres Fundament, das mir Haltgibt. Ich weiss, was mir wichtig ist und wofür ich stehe. Das hilft mir, auchdann ruhig und offen zu bleiben, wenn vieles in Bewegung ist. Humor ist sicherauch ein stärkender Anteil.

Für meine Mitarbeitenden versuche ich genau das zu sein, jemand, der da ist. In Veränderungsprozessen biete ich Klarheit, wo sie möglich ist, und Gespräche, wo noch Fragen offen sind. Struktur gibt Sicherheit, aber ebenso wichtig ist die Beziehung. Meine Erfahrung zeigt mir, wenn man sich gehört und ernst genommen fühlt, kann man Unsicherheit besser aushalten.

Frage 9: Rückblickend: Was nimmst du ganz persönlich aus dem CAS für dich mit – beruflich, aber vielleicht auch menschlich?

Ich bin gut gestärkt und bereichert aus dem CAS herausgegangen. Beruflich hat mir vorallem der Blick über den Tellerrand viel gebracht. Ich habe erlebt, wie sich Ansätze aus der Wirtschaft auf die Soziale Arbeit übertragen und für unsere Praxis nutzbar machen lassen. Das hat meinen Blick erweitert und mir neue Impulse für meine Führungsarbeit gegeben.

Menschlich war auch der Austausch mit den Mitstudierenden besonders wertvoll. Alle kamen aus unterschiedlichen Berufsfeldern und brachten andere Perspektiven, Erfahrungen und Denkweisen mit. Das empfand ich als sehr bereichernd und inspirierend. Gleichzeitig hat es mich darin bestärkt, dass auch meine eigene Perspektive aus der Sozialen Arbeit etwas zu bieten hat und für andere wertvoll ist.

Frage 10: Welche beruflichen Vorhaben stehen für dich in diesem Jahr im Mittelpunkt?

Das Jahr ist ja bald zu Ende, aber heute habe ich eine sehr erfreuliche Nachricht erhalten. Ich darf meine Projektidee zur Frühintervention weiterverfolgen. Ziel ist es, junge Menschen, die sich in belastenden Lebenssituationen befinden, bereits während der Sekundarschule zu erreichen und zu unterstützen, damit der Übergang in die Berufsbildung bessergelingen kann.

Gemeinsam mit meinem Team werde ich das Projekt nun weiterentwickeln, damit wir es im Schuljahr 2027/2028 als Pilotprojekt starten können. Es zeigt mir, dass es sich lohnt, Ideeneinzubringen und Veränderungen aktiv anzustossen. Besonders freut mich, dass ich Impulse aus dem CAS nun ganz konkret in die Praxis übertragen kann.

Zum Abschluss des CAS haben wir einen von Wladimir Klitschko signierten Boxhandschuh mit dem Motto «Keep on Punching» erhalten. Rückblickend passt dieser Satz wunderbar zu meinem Jahr. Ich bin dran geblieben und kann nun den nächsten Schritt machen.

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