Ralph Stöckli

Director Olympic Games Department und Chef de Mission
Swiss Olympic

"Die Weiterbildung an der HSG hat mir geholfen, Veränderungsprozesse besser zu verstehen und bewusster zu gestalten. Mein Rat: neugierig bleiben und Veränderungen als Chance zum Lernen sehen."

5 Min. Lesezeit

Nach der Berufslehre absolvierte ich ein Bachelorstudium an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen sowie ein Masterstudium in Sportmanagement an der AISTS in Lausanne. Anschliessend war ich im Bereich Ausbildung und Nachwuchs als Chef bei Swiss Curling tätig und wechselte nach den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 (als Athlet) zu Swiss Olympic als Verantwortlicher für den Wintersport. Seit 2014 bin ich als Chef de Mission in der Verantwortung für alle Olympischen Missionen.

Frage 1: Als Director des Olympic Games Department und Chef de Mission von Swiss Olympic hast du die Schweizer Delegation bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand–Cortina geführt – ein riesiges Projekt. Welcher Moment ist dir dabei besonders in Erinnerung geblieben?

Ganz generell hat mich beeindruckt, mit welchem Einsatz und welcher Zielstrebigkeit die Athletinnen und Athleten und genauso die Trainerinnen, Trainer und der gesamte Staff ihre Ziele verfolgt haben. Ausserdem waren unsere 23 Medaillen breit verteilt. An den Spielen in Peking haben wir in drei Sportarten, die einem Verband angehören, Medaillen geholt. In Milano Cortina waren es Medaillen für fünf Verbände und acht Sportarten. Für die Schweizer Sportförderung ist das sicherlich ein sehr gutes Zeugnis, und es zeigt, wie gut in den Verbänden gearbeitet wird. Als Verantwortlicher der Delegation bleibt nach vier Jahren Vorbereitung jeweils die Eröffnungsfeier ein sehr spezieller Moment, der in schöner Erinnerung bleibt.

Frage 2: In deiner Funktion trägst du die Gesamtverantwortung für die Schweizer Delegation. Was ist bei dir und deinem Team nicht wie geplant verlaufen und mit welchen Rückschlägen musstet ihr umgehen?

Unterdessen weiss ich, dass mein Team und ich einplanen müssen, dass längst nicht alles so läuft, wie geplant. Diese Perspektive hilft schon mal… Wir müssen stets flexibel bleiben und in der Lage sein auf neue Situationen zu reagieren. Meistens handelt es sich dabei um kleinere Dinge, etwa im logistischen Bereich, die jedoch für die jeweiligen Athletinnen, Athleten oder Teams wichtig sind. Aber natürlich haben wir im Team auch schon auf grössere Ereignisse reagieren müssen – auf komplizierte Verletzungen etwa oder auf Krankheitsfälle. In diesen Fällen kommt es auf die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten an.

Frage 3: Aus deiner Perspektive als Director: Was ist bei diesen Olympischen Winterspielen besonders gut gelungen – vielleicht sogar besser oder anders als ursprünglich erwartet?

Bezüglich des dezentralen Konzepts in Milano Cortina waren wir ursprünglich kritisch, ob das Aufgehen wird. Das muss ich zugeben. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Chapeau, Italien! Die wichtigen Prozesse funktionierten. Die Wettkampfstätten waren hervorragend und auch in Sachen Unterkünfte hat alles funktioniert. In diesem Bereich hat das Organisationskomitee einen sehr guten Job gemacht.

Frage 4: Du hast bereits Erfahrung aus früheren Olympischen Spielen. Inwiefern haben dir diese Erfahrungen geholfen, die Rolle als Chef de Mission und die Herangehensweise an die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand-Cortina anders oder gezielter zu gestalten?

Die Erfahrung hilft immer. Ich kann unterdessen gut einschätzen, was auf mich zukommt und ich habe somit auch die Ressourcen, um auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Aber meine Erfahrung ist das eine. Gleichzeitig verfügen auch mehrere Mitglieder meines Führungsteams übergrosse Erfahrung in ihren Bereichen. Wir kennen uns und können uns aufeinander verlassen.

Frage 5: Was nimmst du aus Mailand mit, das nichts mit Medaillen oder Resultaten zu tun hat?

Einerseits nehme ich viele Emotionen mit – Begegnungen mit AthletInnen im Erfolgsmoment und solche mit AthletInnen im Moment grosser Enttäuschung. Beides ist unglaublich berührend. Darüber hinaus bin ich enorm zufrieden, wie gut die Zusammenarbeit mit den Verbänden und den für die Sportarten verantwortlichen Teamchefs funktioniert hat. Wir waren über die verschiedenen Standorte hinaus ein gutes Team und haben einander vertraut. Das hat zu einer gelungenen Olympiamission beigetragen.

Frage 6: Was macht dir nach Mailand Mut für die Zukunft des olympischen Sports?

Einmal mehr haben wir gesehen, zu welchen Leistungen die Athletinnen und Athleten an Olympischen Spielen fähig sind. Das Niveau in den Wettkämpfen war unglaublich hoch. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass ein dezentrales Konzept grundsätzlich sehr gut funktioniert. Der dezentrale Ansatz ist die Zukunft von Olympischen Winterspielen. Das ist für unsere Olympiakandidatur Switzerland 2038 sehr wichtig. Es geht letztlich darum, bestehende Anlagen zu nutzen. Und bei Wintersportarten sind diese Anlagen kaum an einem einzigen Ort zu finden. Wichtig ist, dass das Olympiaerlebnis bei dem dezentralen Konzept nicht verloren geht. Im Vergleich zu Milano Cortina wird es diesbezüglich sicher konzeptionelle Anpassungen und Optimierungen brauchen. Aber ich bin überzeugt, dass es hier gute Lösungsansätze gibt.

Frage 7: Wenn du einmal auf deine bisherige Karriere zurück blickst. Welche Werte und Leitlinien haben deine Entscheidungen am meisten beeinflusst?

Wir arbeiten in den Diensten der AthletInnen und legen den Fokus unserer täglichen Arbeit daraufihnen im Vorfeld und vor Ort bestmögliche Rahmenbedingungen zu bieten, um Bestleistungen sicherzustellen und Höchstleistungen zu ermöglichen. Unser Mission Statement dazu: #united4excellence

Dies ist meine Leitlinie und unsere Mission.

Frage 8: Was gibst du Menschen mit, die sich für die Weiterbildung interessieren oder beruflich in Richtung Change und Transformation gehen möchten?

Veränderung beginnt immer bei den Menschen. Methoden und Modelle sind wichtig, entscheidend sind jedoch Vertrauen, Kommunikation und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Die Weiterbildung an der HSG hat mir geholfen, Veränderungsprozesse besser zu verstehen und bewusster zu gestalten. Mein Rat: neugierig bleiben und Veränderungen als Chance zum Lernen sehen.

Frage 9: Welche beruflichen Projekte oder persönliche Vorhaben stehen für dich im Jahr 2026 noch besonders im Fokus?

Nach den Olympischen Winterspielen liegt der Fokus bereits auf den Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles. Zudem beschäftigen mich die Weiterentwicklung unserer Olympiamissionen bei Swiss Olympic sowie die langfristige Perspektive des olympischen Sports in der Schweiz. Dazu gehört natürlich auch das Projekt Switzerland 2038 rund um die Bemühungen Olympischer und Paralympischer Spiele in der Schweiz. Persönlich ist es mir wichtig, mich laufend weiterzuentwickeln und offen für neue Impulse zu bleiben.

Herzlichen Dank an Ralph Stöckli für seine Offenheit und den Blick hinter die Kulissen unserer Weiterbildung.

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